ʿAqīdah
Warum wurde die Aussage „lafẓī bil-Qurʾān“ beanstandet, während „ṣawtu l-qāriʾ“ von den Gelehrten akzeptiert wurde?
24. August 2026 · ca. 5 Min. Lesezeit
Zu den bekannten Fragestellungen der islamischen Glaubenslehre gehört die Beurteilung der Aussagen:
„لفظي بالقرآن مخلوق“
„Mein lafẓ des Qurʾāns ist erschaffen.“
und:
„لفظي بالقرآن غير مخلوق“
„Mein lafẓ des Qurʾāns ist nicht erschaffen.“
Die Gelehrten der Ahl as-Sunnah, insbesondere Imām Aḥmad رحمه الله, kritisierten diese Aussagen sehr und lehnten ihre Verwendung ab. Dies galt sowohl für die Aussage, der lafẓ des Qurʾāns sei erschaffen, als auch für die gegenteilige Aussage, er sei nicht erschaffen.
Gleichzeitig findet sich bei den Gelehrten jedoch die Aussage:
„الصوت صوت القارئ، والكلام كلام الباري“
„Die Stimme ist die Stimme des Rezitierenden und der Kalām ist der Kalām des Schöpfers.“
Hieraus ergibt sich eine naheliegende Frage:
Weshalb lehnten die Gelehrten die Verwendung des Begriffs lafẓ in dieser Angelegenheit ab, während sie in anderen Aussagen den Begriff ṣawt verwendeten?
Die Antwort liegt insbesondere in der Mehrdeutigkeit des Begriffes lafẓ und den unterschiedlichen Bedeutungen, die dieser Ausdruck umfassen kann.
Der Qurʾān ist der Kalām Allahs und nicht erschaffen
Zunächst muss die Grundlage dieser Angelegenheit festgehalten werden:
Der Qurʾān ist der Kalām Allahs und nicht erschaffen.
Wer glaubt, dass der Qurʾān selbst erschaffen sei, vertritt damit eine Aussage des großen Kufr.
Davon zu unterscheiden sind die Handlungen des Menschen. Die Stimme des Menschen, seine Bewegungen und seine Tätigkeit des Lesens und Aussprechens gehören zu seinen Handlungen und sind erschaffen.
Wenn ein Muslim den Qurʾān rezitiert, muss daher zwischen der Stimme und der Handlung des Rezitierenden einerseits und dem rezitierten Kalām Allahs andererseits unterschieden werden.
„Lafẓ“ gehört zu den mehrdeutigen Begriffen
Der entscheidende Punkt bei den Aussagen:
„لفظي بالقرآن مخلوق“
und:
„لفظي بالقرآن غير مخلوق“
liegt im Begriff lafẓ (لفظ).
Dieser Begriff gehört in dieser Angelegenheit zu den الألفاظ المجملة, also zu den mehrdeutigen bzw. erklärungsbedürftigen Begriffen, die ohne nähere Differenzierung verschiedene Bedeutungen umfassen können.
Mit lafẓ kann zum einen die Handlung des Aussprechens gemeint sein. Gemeint wäre dann die Tätigkeit des Menschen, durch welche er den Qurʾān liest und ausspricht.
Diese Handlung ist erschaffen, denn sie gehört zu den Handlungen des Menschen.
Mit lafẓ kann jedoch ebenso das Ausgesprochene selbst gemeint sein.
Wenn der Mensch den Qurʾān ausspricht, ist das Ausgesprochene der Qurʾān. Der Qurʾān ist jedoch der Kalām Allahs und nicht erschaffen.
Gerade aufgrund dieser Mehrdeutigkeit und der fehlenden Differenzierung des Ausdrucks lehnten die Imame der Sunnah seine Verwendung in dieser Frage ab.
Sagt jemand:
„لفظي بالقرآن مخلوق“
kann damit seine eigene Handlung des Aussprechens gemeint sein. In diesem Sinne ist die Handlung erschaffen. Die Aussage kann jedoch ebenso so verstanden werden, dass das Ausgesprochene – also der Qurʾān – erschaffen sei.
Sagt jemand hingegen:
„لفظي بالقرآن غير مخلوق“
entsteht das gegenteilige Problem. Wird damit die menschliche Handlung des Aussprechens bezeichnet, so wäre es falsch, diese als nicht erschaffen zu bezeichnen.
Die Beanstandung dieser Formulierungen beruht somit auf dem إجمال, also auf der Mehrdeutigkeit und fehlenden Differenzierung des verwendeten Ausdrucks.
Hinzu kommt, dass die Gelehrten mit ihrer scharfen Zurückweisung solcher Formulierungen auch den Weg zu einem größeren Übel versperrten. Die Aussage, der lafẓ des Qurʾāns sei erschaffen, konnte als Mittel und Übergang dazu dienen, schließlich auch den rezitierten Qurʾān selbst als erschaffen zu bezeichnen.
Dies betrifft eine grundlegende Angelegenheit der Glaubenslehre, denn der Qurʾān ist der Kalām Allahs und nicht erschaffen. Der Glaube, dass der Qurʾān erschaffen sei, ist großer Kufr.
„Die Stimme ist die Stimme des Rezitierenden“
Anders verhält es sich mit der Aussage:
„الصوت صوت القارئ، والكلام كلام الباري“
„Die Stimme ist die Stimme des Rezitierenden und der Kalām ist der Kalām des Schöpfers.“
Hier besteht die zuvor erwähnte Mehrdeutigkeit nicht in derselben Weise.
Wenn gesagt wird:
„الصوت صوت القارئ“
„Die Stimme ist die Stimme des Rezitierenden“,
ist eindeutig die Stimme gemeint, mit welcher der Mensch rezitiert.
Diese Stimme gehört zum Rezitierenden und ist erschaffen.
Das bedeutet jedoch keineswegs, dass der mit dieser Stimme rezitierte Kalām ebenfalls erschaffen wäre. Deshalb folgt unmittelbar die Klarstellung:
„والكلام كلام الباري“
„Und der Kalām ist der Kalām des Schöpfers.“
Der Rezitierende rezitiert somit mit seiner eigenen erschaffenen Stimme, während das von ihm Rezitierte der Qurʾān und damit der Kalām Allahs ist.
Der Unterschied zwischen „ṣawt“ und „lafẓ“
Hier liegt der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Formulierungen.
Bei ṣawt (صوت) ist in diesem Zusammenhang eindeutig die Stimme des Rezitierenden gemeint. Sie gehört zum Menschen und ist erschaffen.
Der Begriff lafẓ (لفظ) hingegen gehört in dieser Angelegenheit zu den الألفاظ المجملة. Er kann sowohl auf die Handlung des Aussprechens als auch auf das Ausgesprochene selbst bezogen werden.
Deshalb beanstandeten die Gelehrten sowohl die Aussage:
„لفظي بالقرآن مخلوق“
als auch:
„لفظي بالقرآن غير مخلوق“.
Die korrekte Differenzierung besteht vielmehr darin, die Stimme und die Handlung des Menschen dem Menschen zuzuschreiben und als erschaffen zu betrachten, während der rezitierte Qurʾān der Kalām Allahs und nicht erschaffen ist.
Fazit
Die Kritik der Gelehrten an den Aussagen über lafẓ steht somit nicht im Widerspruch zu der Aussage:
„الصوت صوت القارئ، والكلام كلام الباري“.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Bedeutung der verwendeten Begriffe.
Ṣawt (صوت) bezeichnet in diesem Zusammenhang eindeutig die Stimme des Rezitierenden. Lafẓ (لفظ) hingegen gehört zu den الألفاظ المجملة und kann sowohl die Handlung des Aussprechens als auch das Ausgesprochene bezeichnen.
Aus diesem Grund lehnten die Imame die Verwendung der Aussagen „لفظي بالقرآن مخلوق“ und „لفظي بالقرآن غير مخلوق“ ab. Damit wurde zugleich verhindert, dass eine mehrdeutige Formulierung als Weg zur Behauptung genommen wird, der Qurʾān selbst sei erschaffen.
Die Stimme ist die Stimme des Rezitierenden, während der rezitierte Kalām der Kalām Allahs ist.
والله أعلم
وصلى الله وسلم على نبينا محمد وعلى آله وصحبه أجمعين
Verfasst von:
Ustadh Abu Umar